Der Lack

Der Lack ist ein Thema für sich.

 

Das Teuerste an einem Auto ist immer der Lack. Das was eigentlich den Gesamteindruck des Autos widerspiegelt. Natürlich kann man sich über Farbe streiten, aber bei uns ging das alles relativ reibungslos. Ursprünglich feilten wir mal am Gedanken, das wunderschöne Blau zu nehmen, wie es beim 353er mal verwendet wurde. Die Idee dafür holten wir uns in Schwerin, als wir zum 30sten von Kerstin dort waren. Denn es sollte auf jeden Fall Chrom an den Wagen kommen und dazu muss die Grundfarbe passen. Irgendwann kamen wir aber auch wieder auf die Idee, dass wir mal eine Hochzeit fahren wollen und außerdem in der Zwischenzeit auch das Heimweh Logo entstanden war. Nichts passt da besser als weiß. Limousinen sind fast immer weiß und unserer wird das auch, war beschlossen. Es gibt viele Gründe, die für diese neutrale Farbe sprechen.

 

Jetzt ging es drum einen Lackierer zu finden, der das Ganze möglichst für 0 Euro bzw. den Materialpreis macht. Doch wer ist so verrückt wie wir? Und in unserer Truppe gibt es keine Lackierer, die das mit allen Werkzeugen und Gegebenheiten so ohne weiteres hinbekommen, dass es dann auch entsprechend aussieht. 

 

Und dann war da noch ein Problem. Wer hat eine so lange Kabine?

 

2008 zum Heimweh Treffen pünktlich 1 Monat vor Fertigstellung der Karosse sollte dann wieder etwas passieren, was keiner geplant oder je gedacht hatte. Auf dem Platz spricht mich eine fremde Person an, die ich nur mal so aus den Gesichtern der Teilnehmer gesehen hatte. Er drückte mir seine Karte in die Hand, stellte sich vor und sagte: „Was du hier machst, ist einzigartig und ab sofort rufst du mich im Februar an und ich unterstütze Euch mit Sponsoring jeglicher Art zu Euerm Treffen.“  Ja, auch hier geht unsere Herangehensweise auf. Nicht immer betteln, sondern erstmal zeigen, was man kann, um dann Leute zu finden, die mit Leib und Seele so was unterstützen wollen.

 

Ich war begeistert und alle anderen auch, als ich diese Geschichte erzählte.

 

Es dauerte auch nicht lange und wir standen ständig in Telefonkontakt. Ulf, der jedes Jahr mit Freunden aus Arnstadt anreist, war Feuer und Flamme für unsere Treffen. Wir unterhielten uns so lapidar über den Stand unseres Geheimprojektes und kamen irgendwie auf den Lack zu sprechen. Es konnte ja gut sein, dass Ulf nur mal wissen wollte, was wir da bauen. Aber ich hielt still und verschwiegen die Klappe und sagte nichts Näheres außer dass wir mit dem Lack beginnen wollen. Auf einmal bot er da seine Hilfe an. Hatte er doch bei einem bekannten Lackierer noch was offen und bot an, die Lackierung zu übernehmen. 

 

Für mich war das erstmal eine Mischung zwischen extremer Freude und gesunder Skepsis. 

Wer kommt einfach und sagt, dass er mal schnell so einen Gewaltbrocken übernimmt?

Ich führte gerade Gespräche mit meinem Chef und Stefan, um mir einfach mal andere Meinungen einzuholen, wie die so über solche Aussagen denken, als auch schon das Telefon klingelte und sich ein Lackierbetrieb Franke aus Ellichleben bei Arnstadt meldete. Der Chef persönlich fragte mich, was wir da haben und was damit gemacht werden soll. Ich erklärte erstmal nur grob und wir beendeten das Gespräch. Kaum legte der auf, rief Ulf an und wollte mir sagen, dass der Lackierer gleich bei mir anruft. Jetzt war ich einfach nur noch baff.

 

Ulf wollte nach Eisenach kommen und mit seinen Freunden und Geschäftspartnern einen letzten Ausflug fürs Jahr nach Eisenach auf die Burg machen. Dazu sollte ein Foto auf der Wartburgschanze gemacht werden. Das ist natürlich nicht ganz so leicht, aber trotz Denkmaltag, durch gute Kontakte zur Burg, in einer Blitzaktion erledigt gewesen. Dann saß ich schon mit Angi, Ulf und seinen Leuten beim Mittag im Burg Hotel und fing an Ulf die Details des Projektes zu erzählen. Nach 15 Minuten kam auch schon Rainer (der Burgfotograf), der mir heimlich für jedes Pärchen die eben gemachten Fotos, Just in Time entwickelt und säuberlich in Mappen getrennt, überreichte. 

 

Ich wollte für Ulf den Ausflug wenigstens ein wenig abrunden und auch zu einem echten Erlebnis machen.

 

Spätestens nach diesem Tag waren wir beide Feuer und Flamme und ich merkte, dass es sich bei Ulf nicht um einen Menschen der Gattung „Dummschwätzer“ handelte.

 

Dann machten wir mit dem Lackierer den Termin aus, an dem wir den Wagen bringen wollten.

 

Schnell einen langen Hänger geborgt fuhren Angi, Stefan und ich den Wagen nach Ellichleben. Die ganze Fahrt über ging es nur um ein Thema. Was wird der Lackierer zu unserem Pfusch sagen???

Ich wusste nur durch eine edle Broschüre, was das für eine Lackierfirma sein muss, aber als wir in dieses kleine überschaubare Dörfchen kamen, dachte ich, wo in Allerweltsnamen soll hier diese Firma sein. Das passte nicht zu der Broschüre und auch nicht zur Größe des Ortes.

 

Doch dann 2 Kurven später sahen wir den Betrieb und ich dachte, ich wär in einer anderen Welt. Genauso wie im Prospekt glänzte ein wahnsinnig gepflegtes Gelände mit ebenso modern aussehenden Gebäuden.

Kaum auf dem Hof kam auch schon Herr Franke. Ulf, den wir unterwegs aufgegabelt hatten und der uns den Weg zeigte stellte uns einander vor. Dann kam der große Moment. Herr Franke sah das Elend und schlug wie vermutet die Hände über dem Kopf zusammen. „Oh mein Gott, das wird harte Arbeit“! Aber er stellte sich dieser Herausforderung. Immerhin beschäftigt er nicht nur Lackierer, sondern hat sogar eine eigene Karosseriebauabteilung mit etlichen Meistern.

 

 

Wir machten aus, dass der Wagen in Atlasweiß lackiert werden soll und spätestens Ende Januar fertig ist, damit der Zeitplan nicht ins Wanken gerät.

Die Monate vergingen und wir beschäftigten uns mit der Fertigstellung des Fahrgestells. Bremsen fertig machen, Motor, Getriebe, Antriebswellen und der ganze Kleinkram noch dran. Auspuff verlängern, Handbremse verlängern und so weiter. 

 


Dann war es Ende Januar und ich war aufgeregt wie ein kleines Kind. Nicht nur ich, sondern wir alle waren wie im Kindergarten. Extreme Vorfreude auf das Auto. Wie mag er wohl aussehen? Doch daraus wurde nix. Bis zum 10. März 2009 stand ich im Dauerkontakt mit Ulf, unseren Leuten und dem Lackierer. Mal hieß es, er wird diese Woche fertig, dann wieder nicht und so stieg die Aufregung noch mehr. Alle wurden langsam ungeduldig, denn der Zeitplan geriet trotz Notpuffer jetzt ins Wanken. Wir haben nur noch bis Juli Zeit das Ding fertig zu bekommen und da wird es noch einige Probleme geben, dachten wir.

 

Irgendwann kam ein Anruf, dass bestimmte Teile nochmal gestrahlt wurden, nachdem sie schon vorbereitet waren und dabei sei einiges zu Bruch gegangen. Zum Glück war es nur ein vorderer Kotflügel und eine der großen Türen. Beim Kotflügel konnte ich sofort für Abhilfe sorgen, denn Blech hatten wir ja genug, aber bei der großen Spezialtür mussten die Karosserieexperten des Lackierers ran. Das ist eine Maßanfertigung.

Also fuhr ich nach der Arbeit schnell mit Angi nochmal raus, um den Kotflügel zu bringen und erhaschte einen ersten Blick nach Monaten der Abstinenz auf unser Baby. Die Karosse stand einsam in einer nicht einsehbaren Ecke und überhaupt war alles voll mit Autos. Der Lackierer hatte echt viel zu tun, was mir die Augen öffnete und die Verzögerung sofort erklärte. Doch wie ausgemacht, hielt er sich daran, den Wagen so geheim wie möglich zu behandeln und ihn nicht im Sichtfeld zu parken. Dann kam ich dem Auto näher und glaubte meinen Augen kaum. Das Dach war gespachtelt und die Blechteile alle schön geschliffen. Anhand der ganzen Werkzeuge, die da lagen, mussten wohl unzählige Leute damit beschäftigt sein dort die richtige Form noch auszuarbeiten. Jetzt wurde mir klar, was da für eine Arbeit drin stecken muss.

Also hieß es wieder nach Hause fahren, mit der Gewissheit, dass das noch ein wenig dauert.

Aber im Hinterkopf stellte sich ein Gefühl von Zufriedenheit ein.

 

 

Dann kam der 10. März. Ein erlösender Anruf verriet mir, dass wir das Auto am Wochenende holen können, da er am Donnerstag in die Kabine soll. Aber es werden nicht alle Einzelteile fertig. Das sollte aber nicht das Problem sein, da wir erstmal mit Karosse und vorderen Kotflügeln auskommen würden, um mit der Montage zu beginnen.

 

Für den 14. März machte ich mit Stefan, Michel und Angi aus, dass wir das Auto holen.

 

Kennt ihr noch das Gefühl, was man als Kind eine Nacht vor Weihnachten hat? Ich konnte nicht schlafen  so aufgeregt war ich. Angi ging es genauso und den anderen glaube ich nicht anders.

 

 

Es war für 8:00 Uhr Treffen angesagt. Mein Chef stellte uns den Hänger zur Verfügung und wir fuhren los nach Ellichleben. Ich glaube, ich habe mit Michel zusammen eine ganze Packung Zigaretten auf dem Weg dahin geraucht, um 10 km vorm Ziel zu merken, dass mir der Sprit ausging. Jetzt auch noch tanken, mein Gott, so viele Minuten zusätzlich, bis wir endlich vor ihm stehen sollten.

 

 

Dann bogen wir auf den Hof ein. Ein Mitarbeiter der Lackiererei öffnete uns die Tore.

Langsam gingen wir um die Ecke und dann 

 

 

wowwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwww...... es brachen alle Gefühlsregungen aus die es so gibt. Die Angi sprang rum wie ein Reh, der Michel blabberte immer wieder „die wollen uns verarsxxxx......“ der Stefan bekam das Grinsen nicht aus dem Gesicht und ich hatte Herzrhythmusstörungen.

 

Unser Blick fiel auf eine Karosse, die jegliche Vorstellungskraft sprengte.

Die Lackierer haben uns da was hingestellt, was unserer Ansicht nach nicht zu toppen ist. Perfektion ist der richtige Ausdruck dafür.

Jegliche Vorstellungskraft war gesprengt und das war der erste Moment, wo wir selber daran geglaubt haben, dass diese Idee Realität wird.

 

Behutsam verluden wir die Karosse und die Einzelteile und dann ging es mit Dank im Herzen in Richtung Heimat. Denn auch dieses Auto hatte das erste mal, nach der Wiedergeburt „HEIMWEH“.

Heute gibt es nur zwei Sätze, die eigentlich aus tiefster Verbundenheit eins ausdrücken sollen:

 

 

„DANKE FIRMA FRANKE!“ - „DANKE ULF!“

 

Wiedermal haben wir erlebt und erfahren, dass es immer noch Menschen gibt, die nicht labern, sondern anpacken und helfen, wenn es einen Sinn hat.

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© Enrico Martin