Die erste Probefahrt

Es war der 31. März 2009.

Wir wollten die restlichen Kleinteile noch anbauen, die im Motorraum fehlten, das Pedalbodenblech einschrauben und erste Feineinstellungen machen.

 

Eigentlich war das unser Tagesziel.

 

Während Michel und Stefan abwechselnd unter dem Auto lagen und irgendwelche Schrauben anzogen, Bowdenzüge einhingen und Schlauchschellen verbanden, kümmerte ich mich um das Ranschaffen verschiedenster Materialien. Angelina saß in der Ecke und sortierte unsere Schraubenwühlkiste grob nach Muttern, Ringen, Schrauben und Sonstigem. Dadurch wollen wir gerade jetzt in der letzten Phase schneller alles finden, was wir suchen und nicht Stunden mit dem Umherkramen in 10.000 Kleinteilen verplempern.

 

Als alles angeschlossen war, brachte ich das Wasser für unser Kühlsystem. Nachdem alles eingefüllt war, hieß es noch entlüften. Dabei durfte ich den Druck in den Kühler blasen und Stefan zum Feiern bringen, als mir die ganze Soße durch die Ablassschrauben ins Gesicht spritzte. Aber sowas gehört dazu und ist einfach nur Klasse.

Dann füllte ich Sprit und Öl in den Tank und wir kamen auf die Idee: „Heute fahren wir `ne Runde“

 

Kristin war in der Zwischenzeit auch gekommen und hat der Angelina noch ein wenig mit unter die Arme gegriffen. Dann war es soweit. Die verchromte Benzinleitung war noch leer. Der entscheidende Augenblick sollte sein, ob die Benzinpumpe auch den Sprit befördert. Also, Batterieklemme dran und Start. Nach 2 Sekunden war das Benzin schon vorne im Filter. Den haben wir dazwischengebaut, um zu sehen, dass wirklich aller Schmutz aus dem Tank raus ist.

Es funktionierte auf Anhieb.

 

Doch bevor wir jetzt einen Gang einlegten, wollte ich es unbedingt auf Video festhalten, wenn der Wagen das erste Mal in seinem Leben, aus eigener Kraft die Scheune verlässt. Nach 3 Telefonaten mit unterschiedlichen Leuten kam mein Chef, der Peter, sofort mit seiner EOS5D gefahren und wollte auch unbedingt dabei sein. Peter hatte eine Stunde vorher gerade erst seinen Familienzuwachs begrüßen dürfen, Henry ein 8 Wochen alter Baby Retriever. Aber er ließ es sich nicht nehmen, das zu erleben. Während wir warteten und schon den gesamten Boden   vom Werkzeug befreit, einen Sitz eingebaut und das Lenkrad verschraubt hatten, nahm ich das erste Mal Platz. Wie ein kleines Kind startete ich den Motor bestimmt 3 Mal.

Stefan, Michel, Angi und Kristin standen in der Einfahrt und verfolgten das Schauspiel. Dann sah mich Stefan an und sagte: „Los, mach mal nen Gang rein!“ Gesagt, getan, Kupplung, Gang, Gas... 2 Meter vor und 2 Meter zurück. Immer wieder wie ein Kleinkind freute ich mich, dass alles schon soweit zu funktionieren schien. 

 

Dann kam Peter. Ich schnappte mir die Kamera und sagte zu Stefan: „Los, das ist dein Turn“ Der guckte zwar erst etwas verdattert, scheinbar dachte er, dass ich erst fahren will. Aber nee... Stefan hat mit mir die Kältehölle der letzten Wochen durchlebt und ständig mitgeschraubt und Teile beschafft, als Farbenblinder die Elektrik verlegt und vom ersten Tag an mindestens genausoviel Herzblut vergossen. Er soll derjenige sein, der als Erster überhaupt eine Runde mit so einem Wagen drehen sollte.

 

Ich ging in Position und er startete das Triebwerk. Vorsichtig fuhr er aus der Scheune und dann Gas, Vollgas und ab.......... Am Ende der Straße: Bremstest... Hatten wir doch die ganze Zeit schon gesponnen, dass wir erstmal ein paar Bremsspuren auf die Straße brennen. 

 

Eine Runde um die Siedlung kam er auch unten schon wieder um die Kurve. 

 

Das Grinsen in seinem Gesicht war wie festgewachsen. Mit einem lauten: „Da geht dir einer ab“, stieg er aus und ich ein.  Dasselbe Spiel nochmal.

Danach konnte ich seine Euphorie sofort nachvollziehen, da erstens alles funktionierte und nichts klapperte und zweitens das Gefühl um die Kurve zu fahren und erst gefühlte Minuten später das Heck nachkam war schon unbeschreiblich.

 

Vielleicht sollte man das Fahrgefühl wie mit einem Mercedes Sprinter vergleichen. Etwas mehr ausholen, aber ansonsten ganz normal.

 

Dann sah ich die Gesichter der anderen, die auch nur am Grinsen waren und sagte, „los alles einsteigen, wir machen Belastungstest“. Also nahmen die 4 hinten Platz und auf gings zur luftigen Platzrunde. Mittlerweile hatte schon die gesamte Nachbarschaft Stellung genommen und begrüßte uns zum Teil mit La-Ola-Wellen.

 

Als Letztes wollte ich nochmal das Gefühl haben auf der neuen Seite entgegengesetzt zur Fahrtrichtung zu sitzen, was Stefan wiedermals als affengeil beschrieben hat. Also Stefan rein 

und letzte Runde.

 

Dann war Schluss. Denn es war ja noch kein Nummernschild dran und übertreiben darf man es nicht. Hätten wir da Ärger bekommen, hätte ich das gern auf mich genommen, aber die allgemeine Begeisterung aller anderen war Sicherheit genug für uns, Verständnis zu haben. Außerdem waren die Straßen nur Seitenstraßen, die selten befahren sind.

 

 

Stefan parkte den Wagen standesgemäß rückwärts ein und unsere Probefahrt war ein voller Erfolg. Alles passte, alles funktionierte und wir waren einfach nur glücklich.

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© Enrico Martin